Neues Jahr, alte Muster? Eine andere Sicht auf Vorsätze
- Jannik Bärmann
- 3. Jan.
- 4 Min. Lesezeit
Jeder, der regelmäßig ein Fitnessstudio besucht, kennt es: Das neue Jahr hat begonnen und die Menschen drängen sich an den Geräten. Zum Glück ist dies kein Dauerzustand, denn je weiter der Monat voran schreitet, desto leerer wird es wieder. Bis am Ende wieder nur die bekannten Gesichter übrig bleiben. Die Vorsätze, die man sich zu Beginn des Jahres voller Motivation gesetzt hat, geraten mit der Zeit in Vergessenheit und man kehrt wieder in alte Muster zurück. Mehr Sport machen, sich gesünder ernähren, mit dem Rauchen aufhören oder mit einem neuen Hobby anfangen. All dies hat sich zum Jahresende noch so spannend und erfrischend angehört – doch irgendwann ist der Reiz verflogen.
Aber woran liegt das? Warum setzen wir uns jedes Jahr aufs Neue Vorsätze, die sich zunächst so richtig anfühlen – und verlieren dennoch nach kurzer Zeit den inneren Bezug dazu?
Vielleicht liegt die Antwort weniger in fehlender Disziplin, als vielmehr in der Frage, aus welchem inneren Bedürfnis diese Vorsätze überhaupt entstehen. Vor allem Menschen, die viel auf Social Media unterwegs sind, werden ständig mit angeblichen Idealen konfrontiert – Idealen, die Druck erzeugen und Selbstzweifel sowie Unzufriedenheit verstärken können. Und genau daraus entstehen oft scheinbar „gute“ Vorsätze: Wir sind unzufrieden mit uns selbst, weil wir glauben, besser, fitter oder produktiver sein zu müssen – und bekommen das Gefühl, dass wir etwas an uns ändern müssen, um glücklicher sein zu dürfen.
Das Problem dabei ist, dass diese innere Unzufriedenheit, die den Auslöser für den Änderungswunsch darstellt, oftmals ganz andere und tiefere Gründe hat. Anstatt der Frage „Was will ich ändern?“ ist die Frage „Was brauche ich gerade wirklich?“ oftmals zielführender. Denn dann zeigt sich, dass der Vorsatz, mehr Sport zu machen, beispielsweise eine Kompensation für den Wunsch nach mehr Selbstbewusstsein sein kann. Oder dass das Ziel, produktiver zu sein, von der Angst überschattet wird, nicht genug zu sein. Die Frage, warum wir uns bestimmte Vorsätze setzen, ist entscheidend dafür, ob sie langfristig Bestand haben. Mache ich es, weil ich unzufrieden mit mir selbst bin? Oder aus Neugier?
Dies führt dann wiederum dazu, dass wir die Vorsätze, die wir uns am Jahresende setzen, nach kurzer Zeit wieder fallen lassen. Trotz anfänglicher Erfolge merken wir, dass das Grundproblem immer noch vorhanden ist. Wir gehen nun zwar dreimal pro Woche ins Fitnessstudio und haben vielleicht sogar abgenommen – unser Selbstwert ist dadurch jedoch nicht automatisch gewachsen.
Vorsätze, die aus Selbstkritik entstehen, tragen oft einen inneren Widerspruch in sich: Wir wollen uns besser fühlen, indem wir uns gleichzeitig signalisieren, dass wir so, wie wir gerade sind, nicht genügen. Dieser innere Druck kann kurzfristig antreiben – langfristig kostet er jedoch viel Energie. Jeder Rückschritt wird als persönliches Versagen bewertet, jeder Erfolg wird relativiert. So entsteht kein Raum für echte Zufriedenheit, sondern ein Kreislauf aus Anspruch und Enttäuschung.
Eine gesunde Ernährung und regelmäßige Bewegung sind ohne Frage wichtige Säulen unseres psychischen Wohlbefindens – etwas, das auch durch zahlreiche Studien belegt ist. Sie können Energie schenken, Stabilität geben und unser Selbstgefühl stärken. Gleichzeitig können sie nicht jede innere Unruhe oder jeden Zweifel auflösen. Wenn wir uns etwas vornehmen oder ein neues Ziel setzen, lohnt es sich deshalb, einen Schritt tiefer zu gehen und uns zu fragen: Was erhoffe ich mir emotional von diesem Vorsatz? Wie möchte ich mich fühlen, wenn ich ihn erreicht habe?
Vielleicht kennst du das: Du hältst deinen Vorsatz einige Wochen durch, bekommst sogar positives Feedback – und trotzdem stellt sich keine echte Zufriedenheit ein. Statt Stolz bleibt das Gefühl, dass es „noch nicht reicht“. Genau hier lohnt es sich, innezuhalten. Nicht, um härter zu werden – sondern ehrlicher. Denn manchmal merken wir erst unterwegs, dass wir einem Gefühl hinterherlaufen, das sich nicht durch Leistung herstellen lässt.
Genau an dieser Stelle zeigt sich oft, ob ein Ziel aus echter Selbstfürsorge entsteht – oder ob es unbewusst versucht, ein tieferliegendes Bedürfnis zu kompensieren. Denn nicht jede Veränderung, die auf den ersten Blick „gesund“ wirkt, führt automatisch zu mehr innerer Zufriedenheit. Diese entsteht erst dann, wenn wir beginnen, uns selbst besser zuzuhören und unsere Bedürfnisse ernst zu nehmen.
Und an dieser Stelle möchte ich dich dazu ermutigen, einen neuen Umgang mit Vorsätzen auszuprobieren: weg von Selbstoptimierung und hin zu mehr Selbstkontakt. Nicht alle Vorsätze und Ziele, die du dir gesetzt hast, müssen umgesetzt werden. Manchmal ist es sinnvoller, ihren Ursprung zu verstehen. Sieh deine Vorsätze nicht nur als To-do’s, sondern auch als Hinweis – auf das Gefühl, nach dem du dich innerlich sehnst. Bevor du dir etwas vornimmst, frage dich: „Ist dieser Vorsatz eine Flucht – oder entsteht er aus echter Neugier?“
Sei dabei ehrlich zu dir selbst. Denn nachhaltige Veränderung beginnt nicht mit Druck, sondern mit Ehrlichkeit – und mit dem Mut, sich selbst wirklich zuzuhören.
Vielleicht ist dieses neue Jahr also weniger eine Einladung, dich neu zu erfinden, sondern eine Einladung, dir selbst näherzukommen. Nicht alles, was sich verändern lässt, muss verändert werden. Und nicht jeder Vorsatz ist ein Versprechen an die Zukunft – manchmal ist er einfach ein Hinweis auf ein Bedürfnis, das gesehen werden möchte. Wenn du beginnst, deinen Vorsätzen mit Neugier statt mit Druck zu begegnen, entsteht Raum für echte Veränderung. Nicht, weil du „besser“ werden musst – sondern weil du beginnst, dich selbst ernst zu nehmen.


