Die unsichtbaren Regeln in deinem Kopf – was Glaubenssätze wirklich mit dir machen
- Jannik Bärmann
- vor 5 Tagen
- 3 Min. Lesezeit
Kennst du das Gefühl, immer funktionieren zu müssen? Stark zu sein, keine Fehler zu machen und bloß nicht negativ aufzufallen? Vielleicht hast du dir nie bewusst vorgenommen, so zu leben – und trotzdem fühlt es sich an, als gäbe es unsichtbare Regeln, nach denen du handelst. Genau diese inneren Regeln nennt man Glaubenssätze.
In meinen bisherigen Artikeln habe ich häufig von „Glaubenssätzen“ gesprochen, ohne näher zu erklären, was genau damit gemeint ist. Dies möchte ich nun nachholen.
In dem folgenden Text möchte ich dir zeigen, was Glaubenssätze sind, wie sie entstehen und vor allem welche Auswirkungen sie auf unser Leben haben.
Glaubenssätze sind innere Überzeugungen, die wir im Laufe unseres Lebens aufgenommen haben. Sie können von unseren Eltern vermittelt worden oder auch ungeschriebene Gesellschaftsregeln sein. Es handelt sich hierbei um Richtlinien, die unser Denken und Handeln grundlegend beeinflussen. Zwei Formen dieser Glaubenssätze sind jene, die entweder mit der Formulierung „Ich muss…“ oder „Ich darf nicht…“ beginnen. Beispielsweise die Überzeugungen „Ich muss immer stark sein“, „Ich darf keine Fehler machen“ oder „Ich muss etwas leisten um anerkannt und geliebt zu werden“. Wir verspüren den Drang, etwas bestimmtes zu tun oder zu unterlassen, haben aber rein objektiv gesehen gar keinen konkreten Grund dafür. Das Problem dabei ist: Diese Überzeugungen laufen meist unbewusst ab. Wir hinterfragen sie nicht – und richten unser Leben trotzdem nach ihnen aus.
Die meisten dieser Glaubenssätze werden im Kindesalter gebildet, wir bekommen sie von unseren Eltern „vererbt“. Denn die Überzeugungen unserer Eltern sind das Fundament dafür, wie sie uns erziehen und welche Botschaften sie uns vermitteln. Gleichzeitig bedeutet dies aber auch, dass unsere eigenen Überzeugungen zu großen Teilen davon abhängig sind, wie unsere Eltern gelebt haben und welche Erfahrungen sie gemacht haben.
Die zweite große Rolle für die Bildung unserer Glaubenssätze spielt die Gesellschaft, in der wir leben. Jede Gemeinschaft hat ihre ungeschriebenen Regeln, deren Einhaltung die Voraussetzung für eine Integration in diese sind. Befolgen wir diese Regeln nicht, verlieren wir das Gefühl von Zugehörigkeit. Um dieses Gefühl zu vermeiden, passen wir uns an – oft, ohne es zu merken. Menschen sind soziale Wesen, wir sehnen uns nach Gemeinschaft. Werden wir von einer Gruppe verstoßen oder fühlen uns einsam setzt uns das zu.
Im ersten Moment erscheinen Glaubenssätze als hilfreich – sie sorgen dafür, dass wir vor unschönen Erfahrungen geschützt werden und Teil einer Gemeinschaft sein können. Wann können sie also zum Problem werden?
Glaubenssätze schützen uns nicht nur – sie können uns auch begrenzen und einschränken. Je älter wir werden, desto stärker wollen wir unsere eigene Persönlichkeit entwickeln. Vor allem im Jugendalter ist dies der Fall. In dieser Phase stoßen wir häufig auf innere Konflikte: uns zieht es in eine bestimmte Richtung, unsere Überzeugungen halten uns jedoch davon ab diesen Weg einzuschlagen. Ein klassisches Beispiel dafür ist die Wahl unseres Berufs. Stell dir ein Kind vor, dessen Eltern Anwälte, Ärzte oder Geschäftsführer sind. Je nachdem, wie dieses Kind erzogen wurde, kann es gut sein, dass es denkt, es müsse ebenfalls eine Karriere in dieser Richtung einschlagen. Wie wird sich dieses Kind nun fühlen, wenn es im Jugendalter herausfindet, dass es sich kein bisschen für diese Themen interessiert sondern stattdessen für etwas Kreatives brennt?
Auch im Erwachsenenalter stoßen wir durch unsere Glaubenssätze immer wieder auf Konflikte mit uns selbst. Unser Herz sehnt sich nach dem, was sich richtig anfühlt, unser Kopf stimmt aber dagegen weil der Wunsch nicht im Einklang mit unseren inneren Überzeugungen steht. Mit der Zeit führt dies zu einer tiefen Unzufriedenheit, für die wir oftmals keine Erklärung finden. Auf den ersten Blick führen wir ein Leben, das scheinbar perfekt ist und trotzdem sind wir unglücklich. Zusätzlich schämen wir uns oftmals für dieses Gefühl, weil wir denken, wir müssten dankbar sein. Dieses Leben ist wie Kleidung, für die wir zwar Komplimente bekommen, die uns aber nicht passt und in der wir uns unwohl fühlen. Wir tragen sie um anderen zu gefallen, innerlich würden wir aber gerne etwas ganz anderes anziehen.
Glaubenssätze entstehen also nicht zufällig. Sie sind das Ergebnis unserer Herkunft, unserer Erfahrungen und unseres tiefen Wunsches nach Zugehörigkeit und Sicherheit. Lange Zeit können sie uns Orientierung geben und uns schützen. Doch wenn wir beginnen, uns selbst weiterzuentwickeln, können genau diese inneren Überzeugungen zu unsichtbaren Grenzen werden. Grenzen, die uns daran hindern, unseren eigenen Weg zu gehen.
Der erste und wichtigste Schritt ist daher nicht, Glaubenssätze sofort verändern zu wollen – sondern sie überhaupt zu erkennen. Denn nur was uns bewusst ist, kann sich verändern. Im nächsten Artikel schauen wir uns deshalb an, wie du deine eigenen Glaubenssätze erkennen kannst, woran du sie im Alltag bemerkst und wie du beginnst, dich Schritt für Schritt von ihnen zu lösen.


