Wenn Sicherheit zur Falle wird – und Vertrauen zur Freiheit
- Jannik Bärmann
- vor 14 Stunden
- 3 Min. Lesezeit
Sicherheit – ein Wort, das im ersten Moment beruhigend klingt und nach dem viele von uns streben. Ob im Beruf, in einer Beziehung oder in anderen Lebensbereichen: Sicherheit steht für viele ganz oben auf der Prioritätenliste. Sie verspricht Kontrolle, Vorhersehbarkeit und Schutz. Unsicherheit hingegen fühlt sich bedrohlich an – etwas, dem wir möglichst aus dem Weg gehen wollen.
Doch Sicherheit kommt selten ohne einen Preis. Und oft bezahlen wir ihn nicht mit Geld, sondern mit unserem eigenen Wohlbefinden, unserer Lebendigkeit oder unseren unerfüllten Bedürfnissen.
In diesem Artikel möchte ich darauf eingehen, was geschieht, wenn wir Sicherheit zur obersten Priorität unseres Lebens machen, was sich hinter dem Wunsch nach Sicherheit häufig wirklich verbirgt – und was uns stattdessen langfristig weiterbringen kann.
Unser Bedürfnis nach Sicherheit hat evolutionäre Hintergründe. Während der Steinzeit war jeder Tag ein Kampf ums Überleben: Finde ich genug Nahrung? Was geschieht, wenn ich mich verletze oder krank werde? Gibt es in meiner Nähe gefährliche Tiere? Sicherheit war kein Dauerzustand, sondern etwas Fragiles, das jederzeit wieder verschwinden konnte. Es ging um nichts anderes als das nackte Überleben.
Heute ist vieles anders. Wir müssen uns keine Sorgen mehr darüber machen, ob wir genug zu essen finden. Medizinisch sind wir weit fortgeschritten, das durchschnittliche Lebensalter ist deutlich gestiegen, und unsere vier Wände bieten uns ein hohes Maß an Schutz. Und trotzdem – das Bedürfnis nach Sicherheit ist noch immer tief in uns verwurzelt.
Das zeitweise Fehlen von Sicherheit war letztlich der Auslöser für nahezu jeden Fortschritt – technologisch, evolutionär und persönlich. Der Wunsch nach Sicherheit hat uns dazu gebracht, weiterzudenken, zu forschen und neue Wege zu gehen. Gleichzeitig bedeutet das aber auch: Sobald wir uns in einem Zustand dauerhafter Sicherheit einrichten, verzichten wir unbewusst auf Wachstum. Denn wo alles kontrollierbar bleibt, entsteht selten etwas Neues.
Wenn wir uns weiterentwickeln möchten, müssen wir bereit sein, unsere bekannten Muster zu verlassen und neue, unerforschte Wege zu gehen. Erst wenn wir den Mut aufbringen, ein Stück unserer Sicherheit hinter uns zu lassen, öffnen wir uns der Möglichkeit auf ein erfüllteres Leben.
Machen wir Sicherheit zur obersten Priorität unseres Lebens, geben wir uns oft mit dem bestehenden Zustand zufrieden – unabhängig davon, ob er uns wirklich erfüllt oder glücklich macht. Wir verharren in Situationen, die zwar unglücklich, aber kontrollierbar und berechenbar sind: in Jobs, die uns auslaugen, in Beziehungen, die kalt geworden sind, oder in Routinen, die längst keinen Sinn mehr stiften.
Hinter dem Streben nach Sicherheit verbirgt sich dabei häufig etwas anderes: Angst. Angst vor dem Unbekannten. Angst vor Risiken. Und Angst davor, die Kontrolle zu verlieren.
Die Entscheidung, auf dem sicheren Pfad zu bleiben, entspringt meist unserem Denken. Sie wirkt rational und logisch. Der Drang hingegen, etwas Neues zu versuchen und etwas verändern zu wollen, ist oft ein Bauchgefühl – unsere Intuition. Er entspringt eher dem Herzen.
Wenn es also nicht Sicherheit ist, was uns ein erfülltes und glückliches Leben versprechen kann, was ist es dann?
Die Antwort darauf könnte Vertrauen sein.
Vertrauen bedeutet nicht, blind Risiken einzugehen oder unüberlegte Entscheidungen zu treffen. Es bedeutet, darauf zu vertrauen, dass wir mit den Konsequenzen unserer Entscheidungen umgehen können – selbst dann, wenn nicht alles nach Plan verläuft. An die Stelle von Sicherheit tritt damit Selbstwirksamkeit: das Gefühl, dem Leben nicht ausgeliefert zu sein, sondern aktiv gestalten zu können. Wer sich selbst vertraut, braucht weniger äußere Sicherheit, weil er weiß, dass er auch mit Unsicherheit umgehen kann. Dieses Vertrauen wächst nicht durch Stillstand, sondern durch Erfahrung – durch Entscheidungen, durch kleine Schritte ins Unbekannte und durch das Wissen, Herausforderungen bereits früher gemeistert zu haben.
Vielleicht hilft es, wenn wir der Stimme in unserem Kopf nicht immer die Macht über unsere Entscheidungen überlassen, sondern auch unserem Herzen ab und zu das Steuer übergeben. Denn oft ist es unser Inneres, unsere Intuition, die sehr genau spürt, was uns guttut und was nicht.
Außerdem sind es meist genau die Momente, in denen wir ganz bewusst das Vertraute verlassen, in denen wir uns besonders lebendig fühlen. In den seltensten Fällen haben einzelne Entscheidungen eine unumkehrbare Auswirkung auf unsere Zukunft – selbst dann nicht, wenn sie sich im Nachhinein als Fehler herausstellen.
Anstatt immer nur die sichere Variante zu wählen, kann es sich lohnen, hin und wieder das zu tun, was Risiken birgt, sich im Herzen aber richtig anfühlt. Denn nur so lernen wir, uns selbst zu vertrauen. Lass dein Herz dein Kompass sein und lege ab und zu die Karte in deinem Kopf beiseite.


