Kurzfristiges Glück, langfristige Leere
- Jannik Bärmann
- vor 3 Tagen
- 4 Min. Lesezeit
Vor kurzem habe ich mir eine geführte Meditation angehört, in der die Erzählerin Tamara Levitt am Ende über das Thema Komfort gesprochen hat. Dabei verwendete sie eine Metapher, die mich nachhaltig beschäftigt hat – und die ich gerne mit dir teilen möchte.
Wir alle sind ständig auf der Suche nach Freude und Glück. Wir fühlen uns zu diesen Emotionen hingezogen wie Motten zum Licht einer Flamme. Doch was auf den ersten Blick warm, hell und verheißungsvoll wirkt, kann gefährlich werden, wenn wir ihm zu nahe kommen. Die Motte verbrennt sich an der Flamme – nicht, weil sie etwas falsch macht, sondern weil sie instinktiv dem folgt, was sich gut anfühlt.
Diese Metapher verdeutlicht etwas sehr Wichtiges: Nicht alles, was sich nach Komfort, Glück oder Freude anfühlt, ist auch das, wonach wir langfristig streben sollten. Im Gegenteil – oft sind es genau diese Dinge, die unser inneres Gleichgewicht untergraben und unsere echte Zufriedenheit begrenzen.
Doch wovon spreche ich eigentlich, wenn ich von Dingen rede, die kurzfristiges Glück versprechen, uns aber auf lange Sicht schaden?
Dazu zählen unter anderem Drogen, Alkohol, Zigaretten, übermäßiger Konsum oder ungesundes Essen – aber auch viele andere Verhaltensweisen, die gesellschaftlich völlig normal wirken. Dinge also, die für einen kurzen Moment ein Hochgefühl auslösen, uns von Sorgen ablenken oder unangenehme Gefühle betäuben – die uns aber langfristig Energie, Klarheit und Lebensqualität rauben.
Komfort fühlt sich gut an. Doch genau darin liegt seine Gefahr.
Denn im Grunde genommen ist Komfort oft nichts anderes als eine Ablenkung von dem, wonach wir eigentlich streben sollten. Komfort ist der Weg, der am einfachsten aussieht, uns aber Schritt für Schritt von unseren Zielen – und von uns selbst – entfernt.
Wenn wir etwas tun oder erreichen, das sich gut anfühlt, schüttet unser Gehirn Dopamin aus. Dieses Hormon spielt eine zentrale Rolle bei Motivation, Belohnung und dem Gefühl von Zufriedenheit. Es sorgt dafür, dass wir uns gut fühlen – und vor allem dafür, dass wir dieses Gefühl wieder erleben wollen.
Kein Wunder also, dass wir ständig auf der Suche nach neuen Wegen sind, diese Glücksgefühle zu reproduzieren. Und je einfacher und schneller wir sie erreichen können, desto attraktiver werden sie für uns.
In unserer heutigen Zeit ist genau das leichter denn je. Wir müssen uns kaum noch anstrengen, um den Appetit unseres Gehirns zu stillen. Ein Klick, ein Scrollen, ein Griff zum Snack – und das nächste kleine Dopamin-Hoch ist nur Sekunden entfernt.
Das Problem dabei ist nicht das Dopamin selbst – sondern die Art und Weise, wie wir gelernt haben, es uns zu holen.
Statt uns dafür anzustrengen, steht heute oft Bequemlichkeit im Vordergrund. Wir wollen uns gut fühlen, ohne dafür etwas investieren zu müssen.
Doch genau das führt nicht zu echtem Glück oder tiefer Zufriedenheit – sondern lediglich zu Ablenkung. Die kurzfristigen Hochs, die wir erleben, werden mit der Zeit immer schwächer. Gleichzeitig werden die Tiefs danach immer ausgeprägter.
Irgendwann erreichen wir den Punkt, an dem wir uns zwar noch ablenken, uns dabei aber nicht einmal mehr wirklich gut fühlen. Und genau hier beginnt Abhängigkeit – nicht unbedingt von einer Substanz, sondern von dem ständigen Versuch, uns selbst nicht spüren zu müssen.
Das eigentliche Problem an all dem ist nicht, dass wir Komfort suchen. Das ist zutiefst menschlich. Problematisch wird es erst dann, wenn wir beginnen, jede Form von Unbehagen konsequent zu vermeiden.
Denn Unbehagen ist kein Zeichen dafür, dass etwas falsch läuft. Oft ist es ein Hinweis darauf, dass wir uns entwickeln. Wachstum fühlt sich selten angenehm an. Es fühlt sich unsicher an, anstrengend, manchmal sogar beängstigend. Und genau deshalb umgehen wir es so gern.
Unser Gehirn ist darauf ausgelegt, Energie zu sparen und Risiken zu minimieren. Kurzfristig macht das Sinn. Langfristig führt es jedoch dazu, dass wir uns selbst klein halten. Wir bleiben in bekannten Routinen, wiederholen vertraute Muster und vermeiden Situationen, in denen wir scheitern könnten.
Das Ergebnis ist kein erfülltes Leben, sondern ein bequemes. Und Bequemlichkeit ist nicht dasselbe wie Zufriedenheit. Während Komfort uns ruhigstellt, gibt uns Wachstum das Gefühl, lebendig zu sein.
Wahres Glück – und innere Zufriedenheit – können wir nur außerhalb unserer Komfortzone finden. Nur wenn wir etwas riskieren und uns dazu trauen, etwas Ungewohntes zu tun, können wir persönliches Wachstum erleben.
Was waren die schönsten Momente in deinem Leben – Momente, in denen du echte Freude empfunden hast?
Wahrscheinlich dann, wenn du alles für etwas gegeben hast, für das du brennst. Wenn du an deine Grenzen gegangen bist und es riskiert hast, zu versagen. Dann, wenn sich trotz – oder gerade wegen – der Erschöpfung eine tiefe innere Ruhe einstellt.
„Get comfortable being uncomfortable“ ist ein Zitat, das dieses Thema auf den Punkt bringt.
Um als Person zu wachsen, sollte es nicht unser Ziel sein, ständig den einfachsten Weg zu wählen oder kurzfristigem Glück hinterherzujagen. Stattdessen sollten wir immer wieder aufs neue versuchen Dinge zu tun, die ein Unwohlsein in uns auslösen, wenn wir daran denken. Denn die schönsten Erfolge sind jene, von denen wir tief in uns wissen, dass wir sie uns wirklich verdient haben.