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Allein, aber nicht einsam: Wie Nähe zu dir selbst entsteht

  • Autorenbild: Jannik Bärmann
    Jannik Bärmann
  • vor 7 Tagen
  • 4 Min. Lesezeit

Wie fühlst du dich, wenn du alleine bist? Genießt du die Zeit für dich und die Ruhe? Fällt es dir leicht, dich zu entspannen?Oder ist es in solchen Momenten schwierig, zur Ruhe zu kommen? Fühlst du dich eher unwohl – oder vielleicht sogar einsam?


Menschen sind soziale Wesen. Wir brauchen den Kontakt zu anderen. Auch aus psychologischer Sicht sind soziale Kontakte essenziell. In der Bedürfnispyramide von Abraham Maslow nehmen soziale Bedürfnisse einen zentralen Platz ein. Zahlreiche Studien zeigen zudem, dass Einsamkeit nicht nur emotional belastet, sondern auch einen messbaren Einfluss auf unsere Gesundheit haben kann.


Gleichzeitig ist das Alleinsein von großer Bedeutung für unsere persönliche Entwicklung.


So wichtig soziale Kontakte für unser Wohlbefinden sind – sie erfordern auch Kompromisse. In vielen Situationen geraten wir dabei in einen inneren Zwiespalt: zwischen unseren eigenen Bedürfnissen und Überzeugungen – und den ungeschriebenen Regeln der Gemeinschaft, zu der wir gehören möchten. Zusammenleben bedeutet immer auch Anpassung. Würden wir ausschließlich nach unseren eigenen Regeln leben, würden unsere sozialen Beziehungen langfristig darunter leiden.


Damit wir uns dabei nicht selbst verlieren, sind Zeiten, die wir bewusst nur mit uns selbst verbringen, essenziell. Sie geben uns Raum, nach innen zu schauen und wahrzunehmen, welche Bedürfnisse vielleicht zu kurz gekommen sind. Sie helfen uns, uns selbst besser zu verstehen – unsere Reaktionen, unsere Gefühle und das, was uns innerlich bewegt.


Nur wenn wir uns regelmäßig Zeit für uns selbst nehmen, haben wir die Möglichkeit, uns wirklich zu spüren. Und genau darin liegt für viele die Schwierigkeit. Erst wenn wir nicht mehr von anderen Menschen umgeben sind, wird es still genug, damit unsere Gedanken sich zeigen können.


Diese Stille ist nicht immer angenehm. In ihr tauchen oft Selbstzweifel, Unsicherheiten und unangenehme Gefühle auf. Statt innerer Ruhe verspüren wir Stress, und der Gedanke, alleine zu sein, kann sogar Angst auslösen.


Deshalb suchen wir Ablenkung. Wir füllen jede freie Minute, vermeiden die Stille – und entfernen uns damit immer weiter von dem, was eigentlich gesehen werden möchte. Denn diese Gedanken sind keine Störung. Sie sind Signale. Hinweise darauf, dass etwas in unserem Leben nicht stimmig ist, dass uns etwas fehlt oder wir den Kontakt zu uns selbst verloren haben.


Versuchen wir in solchen Momenten, diese Gedanken zu unterdrücken und die Stille durch den Kontakt zu anderen Menschen zu füllen, beginnen wir unbewusst, uns immer stärker an ihnen zu orientieren. Statt uns selbst wiederzufinden, verlieren wir uns immer mehr – und die Momente alleine werden noch unerträglicher.


Bis wir irgendwann selbst in Gesellschaft keine echte Nähe mehr spüren, sondern Einsamkeit.


Einsamkeit entsteht nicht dadurch, dass wir alleine sind.

Sie entsteht dort, wo wir den Kontakt zu uns selbst verloren haben.


Alleine-sein bedeutet nicht, dass man einsam ist, im Gegenteil. Erst wenn ich mich selbst kennen lerne und weiß, wer ich bin, kann ich den Kontakt zu anderen Menschen erst bewusst genießen. Selbstkenntnis ist außerdem ein wichtiger Grundstein wenn es um Beziehungen geht, die etwas Langfristiges sein sollen. Denn nur wenn ich weiß, was mir wichtig ist, was meine Bedürfnisse sind und was ich brauche, kann ich beurteilen ob eine Person mein Leben bereichert.


Wenn ich hingegen keinen Bezug zu mir selbst habe wird es mir schwerfallen tiefere Beziehungen und Freundschaften zu knüpfen. Wie sollen andere mich wirklich kennenlernen, wenn ich mich selbst nicht kenne?

Und wie sollen andere es mit mir aushalten, wenn ich es selbst kaum kann?


Wenn du dich derzeit in einer Situation befindest, in der es dir schwer fällt alleine zu sein fragst du dich vielleicht wie du es schaffen kannst damit diese Momente erträglicher – oder sogar angenehm – werden können.


Es geht nicht darum, das Alleinsein sofort lieben zu müssen.

Es reicht, es zunächst auszuhalten – ohne sich dafür zu verurteilen.


Denn die Nähe zu sich selbst ist nichts anderes als eine Freundschaft zu einer anderen Person: Sie entsteht nicht abrupt, sondern braucht Zeit, um sich zu entwickeln. Und genau wie bei einer Freundschaft kultiviert auch die Nähe zu einem selbst durch die Zeit, die wir in sie investieren.


Die innere Unruhe, die wir verspüren, wenn wir alleine sind, zeigt oft, wo wir versuchen, uns selbst auszuweichen. Welche Gedanken wir in uns tragen, sie aber nicht zulassen wollen. Doch genau diese Gedanken sind es, bei denen es sich lohnt sie näher zu betrachten. Das Wichtigste am Anfang ist es, diese Gedanken – und das Alleine-sein – einfach zuzulassen.


Anstatt gegen die Stille anzukämpfen oder sie sofort füllen zu wollen, kann es ein erster Schritt sein, sie einfach da sein zu lassen.


Denn das Alleinsein als Einladung zu verstehen, sich selbst näherzukommen, ist letztlich auch ein Akt der Selbstakzeptanz.


Alleinsein ist kein Zustand, den wir überwinden müssen, sondern eine Erfahrung, der wir uns annähern dürfen.


Je weniger wir vor uns selbst fliehen, desto weniger bedrohlich wird die Stille. Und je besser wir uns selbst kennen, desto freier werden unsere Beziehungen – weil sie nicht mehr aus Bedürftigkeit entstehen, sondern aus Verbundenheit.


Vielleicht ist genau das der Anfang: nicht mehr vor der Stille wegzulaufen, sondern ihr zuzuhören.



 
 
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