top of page

Zwischen Ärger und Verständnis: Die Kraft der Empathie

  • Autorenbild: Jannik Bärmann
    Jannik Bärmann
  • vor 8 Minuten
  • 3 Min. Lesezeit

Wann hast du dich das letzte Mal über eine andere Person geärgert? Vielleicht, weil sie sich deiner Meinung nach unangemessen verhalten hat. Oder weil sie einen unpassenden Kommentar abgegeben hat.

Und wie hast du dich dabei gefühlt?


Wir alle haben bestimmte Vorstellungen davon, was ein angemessenes Verhalten ausmacht. Diese Vorstellungen entstehen durch unsere Erziehung, die Gesellschaft, in der wir leben, sowie durch unsere eigenen Regeln und Glaubenssätze. Sie geben uns Orientierung – und gleichzeitig Erwartungen.


Wenn sich eine andere Person anders verhält, als wir es erwarten, kann das schnell zu Verwirrung, innerer Unruhe oder sogar zu Konflikten führen. Die Folge: negative Emotionen entstehen nicht im Außen, sondern in uns selbst.


Fakt ist: Wir haben keinen Einfluss auf das Verhalten anderer Menschen. So wie wir unsere eigenen Überzeugungen und Erfahrungen haben, führt auch jeder andere Mensch ein ganz individuelles, komplexes Leben. Die tatsächlichen Beweggründe für das Verhalten einer Person bleiben uns meist verborgen – es sei denn, wir lernen sie wirklich kennen.


Ärgern wir uns über das Verhalten anderer, schaden wir letztlich nur uns selbst. Denn nicht das Verhalten des Gegenübers verursacht unser Leiden, sondern die Bedeutung, die wir ihm beimessen. Die Vorstellung, jemand handle „gegen unsere Überzeugungen“, löst in uns negative Gefühle aus. Wir leiden – nicht wegen der anderen Person, sondern wegen unserer inneren Bewertung.


Empathie – die Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinzuversetzen und eine Situation aus ihrer Perspektive zu betrachten – kann uns helfen, Abstand zu unseren eigenen Bewertungen zu gewinnen. Sie schützt uns vor unnötigem innerem Leiden und macht sowohl unser eigenes Leben als auch das Zusammenleben mit anderen leichter.


Der erste Schritt, Empathie zu kultivieren, beginnt mit dem Verständnis, dass jeder Mensch, der uns begegnet, ein genauso komplexes Leben führt wie wir selbst. Mit Höhen und Tiefen, einer eigenen Vergangenheit, individuellen Zielen und ganz persönlichen Beweggründen.


Unser eigenes Denken und Handeln entsteht aus Erfahrungen und inneren Mustern, die für andere meist unsichtbar bleiben. Und genauso verhält es sich bei jedem anderen Menschen auf diesem Planeten. In dem Moment, in dem wir das wirklich erkennen, können wir uns von der dogmatischen Vorstellung lösen, dass unsere eigenen Überzeugungen die einzig richtigen sind.


In den meisten Fällen entstehen negative Emotionen gegenüber anderen Menschen als unmittelbare Reaktion auf ein bestimmtes Ereignis. Um dem entgegenzuwirken, ist es entscheidend, uns diese Reaktion bewusst zu machen. Denn erst durch Bewusstsein gewinnen wir die Kontrolle zurück – und damit die Freiheit, selbst zu entscheiden, wie wir mit einer Situation umgehen möchten.


Zwischen dem Auslöser und unserer Reaktion liegt ein winziger Augenblick. Ein Moment, der leicht zu übersehen ist, aber eine enorme Wirkung haben kann. Er entscheidet darüber, ob wir zulassen, dass Ärger, Wut oder Frustration in uns entstehen – oder ob wir innehalten und versuchen, die Beweggründe unseres Gegenübers zu verstehen.


Wenn du spürst, dass dich das Verhalten oder die Aussage einer anderen Person aufwühlt, versuche ganz bewusst innerlich „Stopp“ zu sagen. Allein dieses kurze Innehalten schafft Abstand. Und je öfter du diesen Moment nutzt, desto leichter wird es dir fallen, die Kontrolle über deine Reaktion zu behalten.


Sobald du es geschafft hast, diesen Moment zu erwischen, kannst du versuchen, dich in dein Gegenüber hineinzuversetzen. Anstatt das Verhalten der Person als Angriff gegen dich selbst zu sehen, kannst du nach möglichen Gründen suchen, die sie dazu bewegt haben, auf diese Weise zu handeln – Gründe, die nichts mit dir persönlich zu tun haben.


Vielleicht bist du gerade mit dem Auto unterwegs und die Person vor dir fährt deutlich langsamer, als es das Tempolimit erlauben würde. Der erste Gedanke, der in dir aufkommt, könnte sein, dass diese Person kein guter Autofahrer ist und du nun wertvolle Zeit verlierst. Doch wie viel später wirst du tatsächlich ankommen, wenn du ein wenig langsamer fährst? Wahrscheinlich ist der Unterschied minimal.


Vielleicht hat die Person etwas Zerbrechliches im Auto und fährt deshalb besonders vorsichtig. Oder es handelt sich um einen Fahranfänger, der sich noch unsicher auf der Straße fühlt.


All dies sind Beispiele dafür, wie du anstelle von Wut und Aufregung Verständnis entwickeln kannst – und dadurch innerlich wieder zur Ruhe findest.


Anstatt eine Person für ihr Verhalten zu verurteilen, versuche bewusst, einen möglichen Grund oder sogar eine Entschuldigung dafür zu finden. Denn genauso oft kommt es vor, dass du selbst so handelst, wie es für dich völlig selbstverständlich ist, für eine andere Person, die dich nicht kennt, jedoch nicht nachvollziehbar wirkt.


Das Zusammenleben mit unseren Mitmenschen ist ein wesentlicher Bestandteil unseres Lebens. Indem wir versuchen, empathisch und mitfühlend zu sein, machen wir nicht nur unseren eigenen Alltag leichter, sondern auch den der Menschen um uns herum.


Anstatt alles sofort ernst oder persönlich zu nehmen, kann gegenseitiges Verständnis mehr Ruhe, Gelassenheit und Leichtigkeit in unser Leben bringen.


Wenn du dich das nächste Mal dabei ertappst, dass du dich über eine andere Person aufregst, halte einen Moment inne. Sag ganz bewusst innerlich „Stopp“ – und versuche, die Situation für einen Augenblick mit den Augen deines Gegenübers zu betrachten.


 
 
bottom of page