Wenn Leistung zur Last wird
- Jannik Bärmann
- 2. Aug. 2025
- 3 Min. Lesezeit
Jeder, der mich kennt, weiß, wie sehr ich Musik liebe. Jedes Mal, wenn einer meiner Lieblingskünstler oder -bands ein neues Album ankündigt, freue ich mich darauf wie ein Kind auf Weihnachten.
Vor Kurzem habe ich ein Interview aus dem Magazin Rolling Stone mit Alex Turner, dem Sänger der Arctic Monkeys, gelesen. Es ging um das neue Album der Band. Gegen Ende bringt der Interviewer seine Interpretation einer Liedzeile vor: Dass die goldenen Zeiten der Band – zumindest gemessen an Verkaufszahlen – vorbei seien, dies aber kein Maßstab für ihren künstlerischen Erfolg sei.
Daraufhin meint Alex Turner, dass ihm bei dieser Aussage klar geworden sei, dass er in Zukunft wohl weniger Platten verkaufen werde als früher. Diese Erkenntnis habe ihn getroffen.
Ich habe mich oft gefragt, wie Künstler mit diesem enormen Druck umgehen. Nach jeder gelungenen Leistung, nach jeder Ankündigung eines neuen Projekts, steht man vor einem Berg an Erwartungen:
Wird man an den vergangenen Erfolg anknüpfen können?
Werden die Fans zufrieden sein?
Darf man sich erlauben, etwas völlig Neues auszuprobieren?
Diese Fragen können den kreativen Prozess stark beeinflussen.
Doch nicht nur Menschen, die im Rampenlicht stehen, sind diesem Leistungsdruck ausgesetzt.
Wir alle kennen dieses Gefühl – die Angst, nicht gut genug zu sein. Nicht zu genügen. Weder mit dem, was wir tun, noch mit dem, was wir sind.
Dieser Druck entsteht oft durch Vergleiche – sei es mit anderen Menschen oder, was meiner Meinung nach mindestens genauso belastend, wenn nicht sogar noch schwieriger ist: mit einer früheren Version von uns selbst.
Statt stolz auf das zu sein, was wir bereits erreicht haben, empfinden wir Frust oder Enttäuschung, weil jemand anderes es auf den ersten Blick „besser“ gemacht hat – oder weil wir selbst früher erfolgreicher, kreativer oder produktiver waren.
Plötzlich zählt nicht mehr, was wir heute leisten oder was gerade gut ist – sondern nur noch, dass es „nicht so gut wie damals“ ist. Und so stehen wir uns selbst im Weg, weil wir versuchen, einen früheren Zustand wiederherzustellen, statt zu erkennen, dass wir heute ein anderer Mensch sind – mit neuen Erfahrungen, anderen Maßstäben und vielleicht auch neuen Zielen.
So entsteht ein Teufelskreis: Unsere Erfolge verlieren an Wert, weil wir sie ständig relativieren. Und das Gefühl, genügen zu müssen, wächst weiter.
Doch wie geht man damit um?
Wie können wir lernen, mit Leistungsdruck umzugehen – und ein Leben zu führen, das nicht vom ständigen Vergleich oder Selbstzweifel bestimmt ist?
Oftmals geht es bei diesen Ängsten und Vergleichen auch darum, was die Menschen um uns herum denken werden, sollte unsere Leistung nicht die Erwartungen treffen.
Denke bitte mal an eine Person, die dir sehr nahe steht und einen festen Platz in deinem Herzen eingenommen hat. Dabei ist es egal, ob es dein Partner oder deine Partnerin, eine Freundin oder ein Freund oder ein Familienmitglied ist.
Wenn du nun eine konkrete Person im Kopf hast, stell dir folgende Frage: Warum ist dir gerade diese Person so wichtig?
Egal, welche Antwort dir in den Kopf gekommen ist, ich bin mir sicher, dass der Hauptgrund nicht der Erfolg dieser Person ist. Weder identifizieren wir die Personen, die uns nahe stehen, mit deren Erfolg, noch tun diese es mit uns. Warum sollten wir uns selbst also damit identifizieren, wie „gut“ oder wie „erfolgreich“ wir in einer bestimmten Sache sind?
Es ist wichtig, stolz auf das zu sein, was wir leisten – aber ebenso wichtig ist es, eine gesunde Distanz dazu zu bewahren. Denn unser Wert hängt nicht davon ab. Wir alle haben völlig unterschiedliche Talente, Begabungen und Stärken, aber was uns am Ende ausmacht ist unser Charakter.
Außerdem hilft es, sich regelmäßig zu fragen: Warum tue ich das eigentlich – tue ich es, weil es mir etwas gibt, oder weil ich mir davon etwas verspreche?
Wenn ich etwas aus Leidenschaft mache, spielt es keine Rolle wie „gut“ ich oder jemand anderes darin ist. Ich mache es, weil es mein Leben in einer positiven Weise beeinflusst und es mich erfüllt. Ich mache es für mich selbst und nicht, weil ich „Erfolg“ darin suche.
Und ein letzter Tipp: Egal, was du tust, gib dein Bestes. Denn dann kannst du dich im Nachhinein nicht fragen, was geschehen wäre, wenn du dich etwas mehr angestrengt hättest.
Vergiss nie: Du bist nicht hier, um jemand anderem etwas zu beweisen.
Du darfst stolz auf dich sein – auf das, was du geschafft hast, auf das, was du gerade durchmachst, und auf das, was noch vor dir liegt.
Du bist mehr als deine Leistung.
Du bist genug – genau so, wie du bist.
Und genau das macht dich so besonders.


