Angst als Wegweiser: Was deine Ängste dir wirklich sagen wollen
- Jannik Bärmann
- vor 2 Tagen
- 4 Min. Lesezeit
Ängste sind ein Thema, das uns alle betrifft – sie begleiten uns ein Leben lang in den unterschiedlichsten Formen. Jeder von uns hat Angst vor oder um etwas. Und das ist nicht nur völlig normal, sondern auch wichtig. Denn Angst schützt uns vor unüberlegten Entscheidungen und Situationen, die negative Konsequenzen für unser Leben haben könnten.
Trotzdem schämen wir uns oft für unsere Ängste. Wir versuchen, sie zu verbergen oder uns selbst nicht einzugestehen – aus dem Glauben heraus, wir müssten immer stark sein und dürften uns vor nichts fürchten. In Wirklichkeit ist genau das Gegenteil der Fall: Angst zu empfinden, ist ein Zeichen von Achtsamkeit. Es zeigt, dass uns etwas am Herzen liegt.
In diesem Artikel möchte ich dir zeigen, warum Ängste ein natürlicher und wichtiger Bestandteil unseres Lebens sind – und wie wir lernen können, gesund mit ihnen umzugehen.
Wie bereits erwähnt, sind Ängste ein wesentlicher Schutzmechanismus. Dennoch ist es wichtig, zwischen „alltäglichen“ Ängsten und solchen zu unterscheiden, die krankheitsbedingt sind oder dazu führen können. Letztere – etwa generalisierte Angststörungen oder Phobien – möchte ich hier bewusst ausklammern. Sie gehören in einen psychotherapeutischen Rahmen, da sie das Leben stark beeinträchtigen und professionelle Begleitung erfordern.
Unter „alltäglichen“ Ängsten verstehe ich jene, die durch bestimmte Situationen ausgelöst werden und in uns ein ungutes Gefühl hervorrufen, wenn wir daran denken. Ängste sind immer zukunftsbezogen: Wir fürchten uns entweder davor, dass etwas Bestimmtes eintritt – oder davor, etwas zu verlieren, das uns wichtig ist.
Wenn Ängste dazu führen, dass wir uns unwohl fühlen – warum sind sie dann trotzdem so bedeutend für unser Leben? Weil sie uns zeigen, was uns wirklich wichtig ist. Wir können uns nicht vor etwas fürchten, zu dem wir keine emotionale Verbindung haben. Wenn ich zum Beispiel Angst habe, krank zu werden, zeigt das, dass mir meine Gesundheit wichtig ist – oder dass ein Ereignis bevorsteht, das ich nicht verpassen möchte. Wenn ich Angst habe, eine Präsentation zu halten, bedeutet das vielleicht, dass ich meine Arbeit wertschätze und mir wichtig ist, wie andere sie wahrnehmen.
Doch meist nehmen wir Angst ausschließlich als etwas Negatives wahr. Wenn ich sage: „Ich habe Angst vor dieser Prüfung“, entsteht automatisch ein unangenehmes Gefühl. Ich fürchte mich davor, zu scheitern – weil mir mein Erfolg wichtig ist. Je stärker ich mich mit diesen Gedanken beschäftige, desto größer wird die Angst – bis sie mich schließlich blockiert.
Hilfreich ist es, in solchen Momenten bewusst innezuhalten und zu fragen: Was steckt wirklich hinter dieser Angst? Was genau macht mir Sorgen – und warum? Indem ich mich ehrlich mit meiner Angst auseinandersetze, kann ich wertvolle Rückschlüsse über mich selbst ziehen. Ich beginne, mich besser zu verstehen – und erkenne, dass es in den seltensten Fällen um das Objekt der Angst selbst geht, sondern um das, was dahinter liegt.
Bevor ich allerdings damit anfangen kann, mich näher mit meinen Ängsten auseinanderzusetzen, muss ich sie als Teil von mir akzeptieren. Ich darf aufhören, sie zu ignorieren, abzustreiten oder mich für sie zu schämen. Obwohl das Gefühl der Angst unangenehm ist, verfolgt es doch eine positive Absicht – es will uns schützen. Wenn du das nächste Mal Angst empfindest, kannst du innerlich zu ihr sagen:
„Ich sehe dich. Ich erkenne dich. Und ich akzeptiere dich. Danke, dass du mich beschützen möchtest.“
Natürlich ist das leichter gesagt als getan. Angst anzunehmen erfordert Mut, Geduld und Übung. Doch erst wenn du sie als Teil von dir anerkennst, kannst du beginnen, sie zu erforschen und an ihr zu wachsen. Manchmal kann es helfen, deine Angst aufzuschreiben oder ihr – so seltsam das klingt – innerlich eine Stimme zu geben. So lernst du, sie zu verstehen, anstatt sie nur zu spüren.
Wenn wir unsere Ängste akzeptiert und begonnen haben, ihre Hintergründe zu verstehen, können wir lernen, besser mit ihnen umzugehen. Wenn wir wissen, warum wir uns vor einer bestimmten Situation fürchten, können wir bewusster entscheiden, wie wir mit ihr umgehen wollen. Bleiben wir beim Beispiel der anstehenden Prüfung: Wir können ihr nicht aus dem Weg gehen – also stellt sich die Frage, wie wir sie erleben möchten. Oft hilft schon ein einfacher Perspektivwechsel: Statt zu sagen „Ich habe Angst, durchzufallen“, kannst du sagen: „Mir ist es wichtig, diese Prüfung zu bestehen.“ So verlagerst du den Fokus von der negativen Konsequenz auf eine positive Intention. Du ersetzt Angst durch Motivation.
Uns sollte aber auch immer bewusst sein, dass unser Einfluss begrenzt ist. Du kannst deine ganze Zeit und Energie in das Lernen der Prüfungsthemen investieren – welche Fragen jedoch gestellt werden, liegt an deinem Prüfer. Akzeptiere, was du nicht kontrollieren kannst – und konzentriere dich auf das, was du beeinflussen kannst.
Angst wird uns ein Leben lang begleiten – und das ist völlig in Ordnung. Entscheidend ist nicht, ob wir Angst empfinden, sondern wie wir mit ihr umgehen. Wenn wir lernen, sie anzunehmen, anstatt sie zu bekämpfen, kann sie zu einer wertvollen Lehrerin werden. Sie zeigt uns, was uns wichtig ist, erinnert uns an unsere Grenzen – und gibt uns gleichzeitig die Chance, über sie hinauszuwachsen.
Jedes Mal, wenn du dich einer Angst stellst, wächst dein Vertrauen in dich selbst. Nicht, weil du „mutiger“ geworden bist, sondern weil du erkannt hast: Du kannst mit Angst leben – und trotzdem handeln.
Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben.
Mut bedeutet, trotz der Angst weiterzugehen.


